Kirchengeschichte
"Die Pfarrei Ottersweier ist eine der ältesten des Landes; jedenfalls bestand dieselbe schon vor der Gründung der nahen Benedictiner-Abtei Schwarzach, die man gewöhnlich in die Jahre 815-826 verlegt.
Denn bereits 774 errichtete Bischof Heddo von Straßburg ein transrhenanisches, die ganze Ortenau umfassendes Archidiakonat, zu dem die Landkapitel Ettenheimmünster (Lahr), Offenburg (Willstätt) und das sogenannte niedere Kapitel Ottersweier gehörten."
So schrieb der Pfarrer und Heimatforscher Karl Reinfried 1882. Als Nachweis bezeichnete er die "Historie de l`eglise de Straßbourg" von Grandidier.
"Für das hohe Alter der Pfarrei Ottersweier spricht auch der Patron der Kirche, welche dem hl. Johannes dem Täufer geweiht ist. Diesem pflegte man nämlich bei der Ausbreitung des Christentums vorzüglich jene Kirchen zu weihen, wo die Neubekehrten die Taufe erhielten." (so Reinfried).
Verschiedene Baustiele
"Auf einer kleinen Anhöhe, so ziemlich in der Mitte des Dorfes und etwas abseits von der Landstraße, steht die alte St.Johannes-Pfarrkirche, die, ein Complex von verschiedenen Baustilen, in architektonischer Beziehung nicht ohne Interesse ist. Der romanische Thurm bildete bei der älteren Kirche ursprünglich den Chor. Der niedere, etwas plumpe, aus einem gleichseitigen Dreieck construierte Chorbogen ist gothisch, während die Schallfenster desselben Thurmes, der auf dem Chore steht, noch romanisch sind. Damit dürfte dieser Theil der genannten Kirche in die zweite Hälfte des 13. Jahrthunderts zu setzen sein. An der nördlichen Thurmseite war eine kleine, dem hl. Michael geweihte Kapelle; an der südlichen ist jetzt noch die geräumige, feuerfest gewölbte Sacristei angebaut, worin ein Altar stand." ( Reinfried-FDA, Bd.15)
Der alte Turm
Diese Angaben - und noch mehr dazu - finden wir bestätigt, wenn wir den alten Turm vom Kirchplatz aus bestrachten. Es sind nämlich deutlich drei (es können auch vier sein) Einkerbungen von Dachanlehnungen früherer Kirchen zu sehen.Wir dürfen also - obigem Bericht folgend - davon ausgehen, daß ursprünglich der Turm immer im Osten und mittig zum Kirchenschiff stand und erst 1517 durch den Anbau des gotischen Chores (jetziger Mitteleingang) dieser Zustand sich änderte.
Die am weitesten, bis an den Rand des Turmes hinaufführende Einkerbung zeigt, daß durch die Dachform erstmals der Turm nicht mehr in der Mitte, sondern seitlich versetzt zu sehen ist. Dies geschah durch den Kirchenbau von 1517. Links neben dem Turm wurde der gotische Chor angebaut.
Die übrigen Spuren von früheren Kirchendächern am Turm stammen also vor dieser Zeit.Es stellt sich also die Frage, in welchen Abständen Kirchenerneuerungen wegen des Zustandes oder der Größe vorgenommen wurden. Sicher ist, daß der Südturm der Pfarrkirche das älteste Gebäude der Gemeinde ist.
Heutiges Wahrzeichen
Heutiges Wahrzeichen der Gemeinde ist die zweitürmige neugotische Pfarrkirche St.Johannes. 1906 war die Grundsteinlegung für diese mächtige Kirche.
Die Gemeinde hatte schon 1895 die räumlichen Voraussetzungen für den Neubau geschaffen, doch die kirchlichen und staatlichen Behörden konnten sich erst nach 10 Jahren einigen. Grund dieser Verzögerung war die Forderung der staatl. Behörde nach Erhalt der "historisch wertvollen Teile (Turm und Chor der Vorgängerkirche)", der die Kirchenbehörde erst nach langen Verhandlungen nachkam.
"Zu Anfang des 16.Jahrhunderts entfernte man das alte romanische Langhaus und baute ein breiteres gothisches Schiff nebst einem Chore. Zu diesem Chore legte Pfarr-Rector Sebastian von Windeck in jenem Jahr den Grundstein, von dem man die Entstehung der Kirchenspaltung zu datiren pflegt, laut der Inschrift an einem Chorpfeiler:
"Off fritag nach invocauit an. 1517 ist der erst stein gelegt dis bawes durch hern sebastian von windeck kirch(herrn)."
Rektoratszeichen und Geschlechterwappen
Darunter ist das Rektoratszeichen (Kelch) und die Geschlechterwappen des Bauherrn von väterlicher (Windeck) und mütterlicher (Entzberg) Seite ausgehauen.
Das Geschlecht der Windecker
Das Geschlecht der Windecker hing sehr eng mit dem der Grafen von Eberstein, deren Lehensleute sie waren, zusammen. Sie besaßen in und um Ottersweier umfangreiche Güter als ebersteinische wie auch als freies Reichslehen bis zum Erlöschen ihres Mannesstammes im Jahre 1592.
Im Wappenschild des Geschlechts derer von Windeck verläuft in Blau ein goldener Schrägbalken von rechts oben nach links unten, vom Träger aus gesehen, und eine silberne Vierung über demselben.
Angehörige der Windecker waren Pfarrer von Ottersweier und fanden in der alten Kirche ihre Grablege. Karl Reinfried beschreibt in seiner Darstellung "Grablegen und Epitaphien der Herren von Windeck in den früheren Pfarrkirchen zu Kappel und Ottersweier bei Bühl, sowie in der Klosterkirche zu Schwarzach" (FDA XIV, 1880), die zu seiner Zeit noch reichhaltig vorhandenen Zeugnisse.
Das Ebersteiner wie auch das Windecker Wappen ist auf den Trägern eines alten Ziehbrunnens zu finden, der jetzt im Gelände der Burg Windeck bei Weinheim steht. Dieser Brunnen stand einst in der Mitte unseres Dorfes. Als nach dem Bau der Bau der Wasserleitung (1902) die vorhandenen Brunnen ausgedient hatten, konnten sich die Eigentümer und Gemeindevertreter über seinen weiteren Verbleib nicht einigen. Das großherzogl. Denkmalamt griff ein und ließ ihn an seinem jetzigen Standort aufstellen.
Glasmalereien
Ein weiteres Andenken an die Windecker Zeit sind die Glasmalereien, die sich in der alten Kirche zu Ottersweier befanden, 1832 dem damals regierenden Großherzog Leopold geschenkt wurden, damit jetzt Eigentum des Markgrafen von Baden sind und sich im Rittersaal von Schloß Neueberstein befinden.
Diese Bilder wurden auf Antrag in das "Verzeichnis national wertvollen Kulturgutes" (Ges. zum Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung v. 6.8.1955) aufgenommen. In dem Verfahren vor dem Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg (Urt. V. 14.3.1986) wurde u.a. angeführt:
"Nach der Fachliteratur und nach den Feststellungen des Sachverständigen-Ausschusses stammt der sog. Ottersweierer Zyklus aus dem bedeutenden Glasmalerzentrum Straßburg. Von dort wurde - vor allem im 15.Jahrhundert - für ganz Süddeutschland gearbeitet. Diese Zunft hatte damit sogar überregionale Bedeutung. Der Ottersweierer Zyklus erlangt dadurch besonderen künstlerischen Wert, daß er dem unmittelbaren Umkreis Hans Baldungs entstammt, der - als Schüler Dürers - in Straßburg wirkte.
Der Ottersweierer Zyklus ist das einzige monumentale Zeugnis dessen Einflusses auf die Glasmalerei seiner Zeit und der Straßburger Glasmalerzunft aus dieser Zeit überhaupt."