Zwerg-Zebus und Ziegen halten aufgelassene Rebterrassen offen
Es ist ein idyllischer Platz am Hardbuckel. Zwischen Obstbäumen, Rebhängen und Trockenmauern öffnet sich der Blick auf die Umgebung und weit ins Land hinein. Mittendrin grast friedlich eine kleine Herde Rinder mit zwei Ziegen, die so nebenbei ganze Arbeit leisten. Die Tiere halten aufgelassene Rebterrassen offen, schützen die Trockenmauern aus Buntsandstein und bewahren damit den Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten.
Die Herde gehört Familie Helga und Alexander Kern. Zusammen mit Sohn Felix und Tochter Sophia haben sie ehrenamtlich die Beweidung einer 1,5 Hektar großen Fläche am Hardbuckel übernommen. Bürgermeister Jürgen Pfetzer (CDU) sieht darin ein Projekt mit Vorbildwirkung. Es sei eine von mehreren möglichen Antworten auf die zunehmenden Brachflächen in den Weinbergen, sagte er beim Pressegespräch vor Ort. Dass es hier so gut funktioniere, liege am ehrenamtlichen Engagement der Familie Kern und an den Grundstückseigentümern, die Flächen zur Verfügung stellten. Die Gemeinde Ottersweier unterstütze das Weideprojekt deshalb gern.
Um die Beweidung auf einer größeren Fläche zu ermöglichen, musste ein Fußpfad gesperrt werden. Erst durch die Sperrung fand sich am Steilhang eine ebene, schattige Stelle, an der das Weidezelt steht und die Tiere an heißen Tagen Schutz finden. Ohne diesen geschützten Standort wäre eine Beweidung des Hangs nicht möglich.
Diana Fritz vom Landschaftserhaltungsverband (LEV) Rastatt begleitet die Beweidung auf Rebsteillagen. „Es ist ein schönes, gut funktionierendes Projekt“, sagt die Geschäftsführerin des LEV Rastatt. „Es braucht engagierte Tierhalter und bei dieser Topografie auch viel Idealismus.“ Die größte Schwierigkeit für die Tierhalter ist es tatsächlich, eine ebene Stelle für das Weidezelt zu finden. Schatten spenden den Tieren außerdem große Obstbäume.
Das Land fördert das Beweidungsprojekt finanziell, erklärt Diana Fritz. Der LEV arbeitet als Dienstleister für Kommunen, Grundstücksbesitzer und Flächenbewirtschafter sowie Naturschutzverbände und Vereine. Ziel sei es, die vielfältige und artenreiche Kulturlandschaft zu erhalten und weiterzuentwickeln. „Es ist ein gesellschaftliches Thema. Dort wo sich der Weinbau verabschiedet, stellt sich die Frage des Landschaftsbildes“, sagt Diana Fritz.
Wie schwierig diese Frage zu beantworten ist, zeigt auch das Sonderprojekt Weinbau in Mittelbaden. Auch dort gilt die Beweidung als mögliche Folgenutzung brachgefallener Flächen. Nur wenige Schritte von der Weide am Hardbuckel entfernt finden sich sowohl Trockenmauern als auch Grundstücke, die bereits komplett von Brombeerhecken überwuchert sind. Anderen Flächen ist anzusehen, dass es dort bald ähnlich aussehen wird. „Wir wollten etwas tun gegen diese Situation und haben uns entschieden, mit einem Teil unserer Herde eine Fläche zu beweiden“, sagt Alexander Kern. „Wir haben letztes Jahr einen Teil des Hangs von Brombeerhecken befreit, dann mit einer Testphase die Beweidung vorbereitet, den Zaun aufgebaut, einen optimalen Platz für das Weidezelt gesucht und mit den Tieren den Transport hier hoch geübt. Sie sollten keinen Stress haben.“
Fünf Tiere – Bella, Anton, Lola, Hanni und Nanni – leben nun im Sommer oben auf dem Hardbuckel. Es sind Zwerg-Zebus, eine der ältesten und kleinsten Rinderrassen der Welt.
Wegen der speziellen Beschaffenheit ihres Fells, der Anatomie ihrer Haut am Hals und ihrer Herkunft aus Südasien vertragen sie Hitze und Sonne gut. „Die Zebus sind nicht anspruchsvoll, was sie aber nicht mögen, ist Regen und Sturm“, sagt Felix Kern, laut seinem Vater der „Zebuflüsterer“ der Familie. „Ein Vorteil ist, dass die Zebus kaum Trittschäden am Steilhang hinterlassen und alles bis zur Grasnarbe fressen, ohne diese zu verletzen.“
Alles allerdings nicht: Brombeerhecken, Brennnesseln und Ampfer bleiben stehen. Dafür sind Dominik und Willibald zuständig. Die beiden Bündner Strahlenziegen, eine alte Schweizer Gebirgsrasse, fühlen sich in Gesellschaft der Zebus auf den steilen Südhängen ebenfalls wohl. „Die Kombination ist ideal. Was die einen stehen lassen, nehmen die anderen“, sagt der Tierhalter. „Die Zebus sind Rasenpfleger, die Ziegen übernehmen die Mauerkronen und die nachwachsenden Gehölze.“ Der Ziegenbestand wird zudem noch aufgestockt.
Mit der Ziegenhaltung wird außerdem eine gefährdete Rasse bewahrt. Damit kennt sich die Familie Kern aus: Alexander Kern ist Vorsitzender des Kleintierzuchtvereins Ottersweier und Umgebung, in dem auch Felix und Sophia seit Kindesbeinen an aktiv sind. Allesamt sind sie nun stolz auf das Familienprojekt mit den Weidetieren auf dem Hardbuckel.
Ein Gewinn für alle Beteiligten ist das Weideprojekt der Familie Kern am Hardbuckel.
Von links: Felix Kern, Diana Fritz, Alexander Kern, Bürgermeister Jürgen Pfetzer und Sophia Kern.